Bibliothek deutscher Kommunisten -> Friedrich Engels
Geschrieben Ende Oktober bis November 1847 (1)
1. Frage: Was ist der Kommunismus?
2. Frage: Was ist das Proletariat?
3. Frage: Es hat also nicht immer Proletarier gegeben?
4. Frage: Wie ist das Proletariat entstanden?
5. Frage: Unter welchen Bedingungen findet dieser Verkauf der Arbeit der Proletarier an die Bourgeois statt?
6. Frage: Welche Arbeiterklassen gab es vor der industriellen Revolution?
7. Frage: Wodurch unterscheidet sich der Proletarier vom Sklaven?
8. Frage: Wodurch unterscheidet sich der Proletarier vom Leibeigenen?
9. Frage: Wodurch unterscheidet sich der Proletarier vom Handwerker?
10. Frage: Wodurch unterscheidet sich der Proletarier vom Manufakturarbeiter?
11. Frage: Was waren die nächsten Folgen der industriellen Revolution und der Scheidung der Gesellschaft in Bourgeois und Proletarier?
12. Frage: Was waren die weiteren Folgen der industriellen Revolution?
13. Frage: Was folgt aus diesen sich regelmäßig wiederholenden Handelskrisen?
14. Frage: Welcher Art wird diese neue Gesellschaftsordnung sein müssen?
15. Frage: Die Abschaffung des Privateigentums war also früher nicht möglich?
16. Frage: Wird die Aufhebung des Privateigentums auf friedlichem Wege möglich sein?
17. Frage: Wird die Abschaffung des Privateigentums mit einem Schlage möglich sein?
18. Frage: Welchen Entwicklungsgang wird diese Revolution nehmen?
19. Frage: Wird diese Revolution in einem einzigen Lande allein vor sich gehen können?
20. Frage: Was werden die Folgen der schließlichen Beseitigung des Privateigentums sein?
21. Frage: Welchen Einfluß wird die kommunistische Gesellschaftsordnung auf die Familie ausüben?
22. Frage: Wie wird die kommunistische Organisation sich zu den bestehenden Nationalitäten verhalten?
23. Frage: Wie wird sie sich zu den bestehenden Religionen verhalten?
24. Frage: Wie unterscheiden sich die Kommunisten von den Sozialisten?
25. Frage: Wie verhalten sich die Kommunisten zu den übrigen politischen Parteien unsrer Zeit?
1. Frage: Was ist der Kommunismus?
Antwort: Der Kommunismus ist die Lehre von den Bedingungen der Befreiung des Proletariats.
2. Frage: Was ist das Proletariat?
Antwort: Das Proletariat ist diejenige Klasse der Gesellschaft, welche ihren Lebensunterhalt einzig und allein aus dem Verkauf ihrer Arbeit (2) und nicht aus dem Profit irgendeines Kapitals zieht; deren Wohl und Wehe, deren Leben und Tod, deren ganze Existenz von der Nachfrage nach Arbeit, also von dem Wechsel der guten und schlechten Geschäftszeiten, von den Schwankungen einer zügellosen Konkurrenz abhängt. Das Proletariat oder die Klasse der Proletarier ist, mit einem Worte, die arbeitende Klasse des neunzehnten Jahrhunderts.
3. Frage: Es hat also nicht immer Proletarier gegeben?
Antwort: Nein. Arme und arbeitende Klassen hat es immer gegeben (3); auch waren die arbeitenden Klassen meistens arm. Aber solche Arme, solche Arbeiter, die in den eben angegebenen Umständen lebten, also Proletarier, hat es nicht immer gegeben, ebensowenig wie die Konkurrenz immer frei und zügellos war.
4. Frage: Wie ist das Proletariat entstanden?
Antwort:
Das Proletariat ist entstanden durch die industrielle Revolution,
welche in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in England vor sich ging
und welche sich seitdem in allen zivilisierten Ländern der Welt wiederholt hat.
Diese industrielle Revolution wurde herbeigeführt durch die Erfindung der
Dampfmaschine, der verschiedenen Spinnmaschinen, des mechanischen Webstuhls und
einer ganzen Reihe anderer mechanischer Vorrichtungen. Diese Maschinen, welche
sehr teuer waren und also nur von großen Kapitalisten angeschafft werden
konnten, veränderten die ganze bisherige Weise der Produktion und verdrängten
die bisherigen Arbeiter, indem die Maschinen die Waren wohlfeiler und besser
lieferten, als die Arbeiter sie mit ihren unvollkommenen Spinnrädern und
Webstühlen herstellen konnten.
Diese Maschinen lieferten dadurch die Industrie gänzlich in die Hände der
großen Kapitalisten und machten das wenige Eigentum der Arbeiter (Werkzeuge,
Wegstühle usw.) völlig wertlos, so daß die Kapitalisten bald alles in ihre Hände
bekamen und die Arbeiter nichts übrigbehielten. Damit war in der Verfertigung
von Kleidungsstoffen das Fabriksystem eingeführt. - Als der Anstoß zur
Einführung der Maschinerie und des Fabriksystems einmal gegeben war, wurde
dieses System auch sehr bald auf alle übrigen Industriezweige, namentlich auf
die Zeug- und Buchdruckerei, die Töpferei, die Metallwarenindustrie angewandt.
Die Arbeit wurde immer mehr unter die einzelnen Arbeiter geteilt, so daß der
Arbeiter, der früher ein ganzes Stück Arbeit gemacht hatte, jetzt nur einen Teil
dieses Stücks machte.
Diese Teilung der Arbeit machte es möglich, daß die Produkte schneller und
daher wohlfeiler geliefert werden konnten. Sie reduzierte die Tätigkeit eines
jeden Arbeiters auf einen sehr einfachen, jeden Augenblick wiederholten,
mechanischen Handgriff, der nicht nur ebensogut, sondern noch viel besser durch
eine Maschine gemacht werden konnte. Auf diese Weise gerieten alle diese
Industriezweige, einer nach dem anderen, unter die Herrschaft der Dampfkraft,
der Maschinerie und des Fabriksystems, gerade wie die Spinnerei und Weberei.
Damit gerieten sie aber zugleich vollständig in die Hände der großen
Kapitalisten, und den Arbeitern wurde auch hier der letzte Rest von
Selbständigkeit entzogen. Allmählich gerieten außer der eigentlichen Manufaktur
auch die Handwerke mehr und mehr unter die Herrschaft des Fabriksystems, indem
auch hier große Kapitalisten durch Anlegung großer Ateliers, bei denen viele
Kosten gespart werden und die Arbeit ebenfalls sehr geteilt werden kann, die
kleinen Meister mehr und mehr verdrängten.
So sind wir jetzt dahin gekommen, daß in den zivilisierten Ländern fast alle
Arbeitszweige fabrikmäßig betrieben werden, daß in fast allen Arbeitszweigen das
Handwerk und die Manufaktur durch die große Industrie verdrängt worden sind. -
Dadurch ist der bisherige Mittelstand, besonders die kleinen Handwerksmeister,
mehr und mehr ruiniert, die frühere Lage der Arbeiter gänzlich umgewälzt und
zwei neue, allmählich alle übrigen verschlingenden Klassen geschaffen worden,
nämlich:
5. Frage: Unter welchen Bedingungen findet dieser Verkauf der Arbeit der Proletarier an die Bourgeois statt?
Antwort:
Die Arbeit ist eine Ware wie jede andere, und ihr Preis wird daher
genau nach denselben Gesetzen bestimmt werden wie der jeder anderen Ware. Der
Preis einer Ware unter der Herrschaft der großen Industrie oder der freien
Konkurrenz, was, wie wir sehen werden, auf eins hinauskommt, ist aber im
Duchschnitt immer gleich den Produktionskosten dieser Ware. Der Preis der Arbeit
ist also ebenfalls gleich den Produktionskosten der Arbeit.
Die Produktionskosten der Arbeit bestehen aber in gerade soviel
Lebensmitteln, als nötig sind, um den Arbeiter in den Stand zun setzen,
arbeitsfähig zu bleiben und die Arbeiterklasse nicht aussterben zu lassen. Der
Arbeiter wird also für seine Arbeit nicht mehr erhalten, als zu diesem Zwecke
nötig ist; der Preis der Arbeit oder der Lohn wird also das Niedrigste, das
Minimum sein, was zum Lebensunterhalt nötig ist. Da die Geschäftszeiten aber
bald schlechter, bald besser sind, so wird er bald mehr, bald weniger bekommen,
gerade wie der Fabrikant bald mehr, bald weniger für seine Ware bekommt. Aber
ebenso wie der Fabrikant im Durchschnitt der guten und schlechten
Geschäftszeiten doch nicht mehr und nicht weniger für seine Ware erhält als
seine Produktionskosten, ebenso wird der Arbeiter im Durchschnitt auch nicht
mehr und nicht weniger als eben dies Minimum erhalten. Dies ökonomische Gesetz
des Arbeitslohns wird aber um so strenger durchgeführt werden, je mehr die große
Industrie sich aller Arbeitszweige bemächtigt.
6. Frage: Welche Arbeiterklassen gab es vor der industriellen Revolution?
Antwort: Die arbeitenden Klassen haben je nach den verschiedenen Entwickelungsstufen der Gesellschaft in verschiedenen Verhältnissen gelebt und verschiedene Stellungen zu den besitzenden und herrschenden Klassen gehabt. Im Altertum waren die Arbeitenden die Sklaven der Besitzer, wie sie es in vielen zurückgebliebenen Ländern und selbst in dem südlichen Teil der Vereinigten Staaten noch sind. Im Mittelalter waren sie die Leibeigenen des grundbesitzenden Adels, wie sie es noch jetzt in Ungarn, Polen und Rußland sind. Im Mittelalter und bis zur industriellen Revolution gab es außerdem in den Städten Handwerksgesellen, die im Dienst kleinbürgerlicher Meister arbeiteten, und allmählich kamen auch mit der Entwicklung der Manufaktur Manufakturarbeiter auf, welche schon von größeren Kapitalisten beschäftigt wurden.
7. Frage: Wodurch unterscheidet sich der Proletarier vom Sklaven?
Antwort:
Der Sklave ist ein für allemal verkauft; der Proletarier muß sich
täglich und stündlich selbst verkaufen. Der einzelne Sklave, Eigentum eines
Herrn, hat schon durch das Interesse dieses Herrn eine gesicherte Existenz, so
elend sie sein mag; der einzelne Proletarier, Eigentum sozusagen der ganzen
Bourgeoisklasse, dem seine Arbeit nur dann abgekauft wird, wenn jemand ihrer
bedarf, hat keine gesicherte Existenz. Diese Existenz ist nur der ganzen
Proletarierklasse gesichert. Der Sklave steht außerhalb der Konkurrenz, der
Proletarier steht in ihr und fühlt alle ihre Schwankungen. Der Sklave gilt für
eine Sache, nicht für ein Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft; der
Proletarier ist als Person, als Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft
anerkannt.
Der Sklave kann also eine bessere Existenz haben als der Proletarier, aber
der Proletarier gehört einer höheren Entwicklungsstufe der Gesellschaft an und
steht selbst auf einer höheren Stufe als der Sklave. Der Sklave befreit sich,
indem er von allen Privateigentumsverhältnissen nur das Verhältnis der Sklaverei
aufhebt und dadurch erst selbst Proletarier wird; der Proletarier kann sich nur
dadurch befreien, daß er das Privateigentum überhaupt aufhebt.
8. Frage: Wodurch unterscheidet sich der Proletarier vom Leibeigenen?
Antwort: Der Leibeigene hat den Besitz und die Benutzung eines Produktionsinstrumentes, eines Stückes Boden, gegen Abgabe eines Teils des Ertrages oder gegen Leistung von Arbeit. Der Proletarier arbeitet mit Produktionsinstrumenten eines anderen für Rechnung dieses anderen, gegen Empfang eines Teils des Ertrages. Der Leibeigene gibt ab, dem Proletarier wird abgegeben. Der Leibeigene hat eine gesicherte Existenz, der Proletarier hat sie nicht. Der Leibeigene steht außerhalb der Konkurrenz, der Proletarier steht in ihr. Der Leibeigene befreit sich, entweder indem er in die Städte entläuft und dort Handwerker wird, oder indem er statt Arbeit und Produkten Geld an seinen Gutsherrn gibt und freier Pächter wird, oder indem er seinen Feudalherrn verjagt und selbst Eigentümer wird, kurz, indem er auf die eine oder die andere Weise in die besitzende Klasse und in die Konkurrenz eintritt. Der Proletarier befreit sich, indem er die Konkurrenz, das Privateigentum und alle Klassenunterschiede aufhebt.
9. Frage: Wodurch unterscheidet sich der Proletarier vom Handwerker?
Antwort: (4)
10. Frage: Wodurch unterscheidet sich der Proletarier vom Manufakturarbeiter?
Antwort: Der Manufakturarbeiter des sechzehnten bis achtzehnten Jahrhunderts hatte fast überall noch ein Produktionsinstrument in seinem Besitz, seinen Webstuhl, die Spinnräder für seine Familie, ein kleines Feld, das er in Nebenstunden bebaute. Der Proletarier hat das alles nicht. Der Manufakturarbeiter lebt fast immer auf dem Lande und in mehr oder weniger patriarchalischen Verhältnissen mit seinem Gutsherrn oder Arbeitgeber; der Proletarier lebt meist in großen Städten und steht zu seinem Arbeitgeber in einem reinen Geldverhältnis. Der Manufakturarbeiter wird durch die große Industrie aus seinen patriarchalischen Verhältnissen herausgerissen, verliert den Besitz, den er noch hatte, und wird dadurch selbst erst Proletarier.
11. Frage: Was waren die nächsten Folgen der industriellen Revolution und der Scheidung der Gesellschaft in Bourgeois und Proletarier?
Antwort:
Erstens wurde durch die infolge der Maschinenarbeit immer wohlfeiler
werdenden Preise der Industrieerzeugnisse in allen Ländern der Welt das alte
System der Manufaktur oder auf Handarbeit beruhenden Industrie gänzlich
zerstört. Alle halbbarbarischen Länder, welche bisher mehr oder weniger der
geschichtlichen Entwicklung fremd geblieben waren und deren Industrie bisher auf
der Manufaktur beruht hatte, wurden hierdurch mit Gewalt aus ihrer Abschließung
herausgerissen. Sie kauften die wohlfeileren Waren der Engländer und ließen ihre
eigenen Manufakturarbeiter zugrunde gehen. So sind Länder, welche seit
Jahrtausenden keinen Fortschritt gemacht haben, z.B. Indien, durch und durch
revolutioniert worden, und selbst China geht jetzt einer Revolution entgegen. Es
ist dahin gekommen, daß eine neue Maschine, die heute in England erfunden wird,
binnen einem Jahre Millionen von Arbeitern in China außer Brot setzt. Auf diese
Weise hat die große Industrie alle Völker der Erde miteinander in Verbindung
gesetzt, alle kleinen Lokalmärkte zum Weltmarkt zusammengeworfen, überall die
Zivilisation und den Fortschritt vorbereitet und es dahin gebracht, daß alles,
was in den zivilisierten Ländern geschieht, auf alle anderen Länder zurückwirken
muß. So daß, wenn jetzt in England oder Frankreich die Arbeiter sich befreien,
dies in allen anderen Ländern Revolutionen nach sich ziehen muß, welche früher
oder später ebenfalls die Befreiung der dortigen Arbeiter herbeiführen.
Zweitens hat sie überall, wo die große Industrie an die Stelle der Manufaktur
trat, die Bourgeoisie, ihren Reichtum und ihre Macht im höchsten Grade
entwickelt und sie zur ersten Klasse im Lande gemacht. Die Folge davon war, daß
überall, wo dies geschah, die Bourgeoisie die politische Macht in ihre Hände
bekam und die bisher herrschenden Klassen, die Aristokratie, die Zunftbürger und
das beide vertretende absolute Königtum, verdrängte.
Die Bourgeoisie vernichtete die Macht der Aristokratie, des Adels, indem sie
die Majorate oder die Unverkäuflichkeit des Grundbesitzes und alle
Adelsvorrechte aufhob. Sie zerstörte die Macht der Zunftbürger, indem sie alle
Zünfte und Handwerksprivilegien aufhob. An die Stelle beider setzte sie die
freie Konkurrenz, d.h. den Zustand der Gesellschaft, worin jeder das Recht hat,
jeden beliebigen Industriezweig zu betreiben, und worin ihn nichts an dem
Betriebe eines solchen verhindern kann als der Mangel des dazu nötigen Kapitals.
Die Einführung der freien Konkurrenz ist also die öffentliche Erklärung, daß
von nun an die Mitglieder der Gesellschaft nur noch insoweit ungleich sind, als
ihre Kapitalien ungleich sind, daß das Kapital die entscheidende Macht und damit
die Kapitalisten, die Bourgeois, die erste Klasse in der Gesellschaft geworden
sind. Die freie Konkurrenz ist aber für den Anfang der großen Industrie
notwendig, weil sie der einzige Gesellschaftszustand ist, in dem die große
Industrie aufkommen kann. Die Bourgeoisie, nachdem sie so die gesellschaftliche
Macht des Adels und der Zunftbürger vernichtet hatte, vernichtete auch ihre
politische Macht. Wie sie sich in der Gesellschaft zur ersten Klasse erhoben
hatte, proklamierte sie sich auch in politischer Form als erste Klasse. Sie tat
dies durch die Einführung des Repräsentativsystems, welches auf der bürgerlichen
Gleichheit vor dem Gesetz, der gesetzlichen Anerkennung der freien Konkurrenz
beruht und in den europäischen Ländern unter der Form der konstitutionellen
Monarchie eingeführt wurde. In diesen konstitutionellen Monarchien sind nur
diejenigen Wähler, welche ein gewisses Kapital besitzen, also nur die Bourgeois;
diese Bourgeoiswähler wählen die Deputierten, und diese Bourgeoisdeputierten
wählen, vermittels des Rechts der Steuerverweigerung, eine Bourgeoisregierung.
Drittens entwickelte sie überall das Proletariat in demselben Maße, wie sie
die Bourgeoisie entwickelt. In demselben Verhältnis, wie die Bourgeois reicher
wurden, in demselben Verhältnis wurden die Proletarier zahlreicher. Denn da die
Proletarier nur durch das Kapital beschäftigt werden können und das Kapital sich
nur dann vermehrt, wenn es Arbeit beschäftigt, so hält die Vermehrung des
Proletariats genau Schritt mit der Vermehrung des Kapitals. Zu gleicher Zeit
zieht sie die Bourgeois so wie die Proletarier in großen Städten zusammen, in
denen die Industrie sich am vorteilhaftesten betreiben läßt, und gibt durch
diese Zusammenwerfung großer Massen auf einen Fleck den Proletariern das
Bewußtsein ihrer Stärke. Ferner, je mehr sie sich entwickelt, je mehr neue
Maschinen erfunden werden, welche die Handarbeit verdrängen, desto mehr drückt
die große Industrie den Lohn, wie schon gesagt, auf sein Minimum herab und macht
dadurch die Lage des Proletariats mehr und mehr unerträglich. So bereitet sie
einerseits durch die wachsende Unzufriedenheit, andererseits durch die wachsende
Macht des Proletariats eine Revolution der Gesellschaft durch das Proletariat
vor.
12. Frage: Was waren die weiteren Folgen der industriellen Revolution?
Antwort: Die große Industrie schuf in der Dampfmaschine und den übrigen Maschinen die Mittel, die industrielle Produktion in kurzer Zeit und mit wenig Kosten ins unendliche zu vermehren. Die aus dieser großen Industrie notwendig hervorgehende freie Konkurrenz nahm bei dieser Leichtigkeit der Produktion sehr bald einen äußerst heftigen Charakter an; eine Menge Kapitalisten warfen sich auf die Industrie, und in kurzer Zeit wurde mehr produziert, als gebraucht werden konnte. Die Folge davon war, daß die fabrizierten Waren nicht verkauft werden konnten und daß eine sogenannte Handelskrisis eintrat. Die Fabriken mußten stillstehen, die Fabrikanten machten Bankerott, und die Arbeiter kamen außer Brot. Das größte Elend trat überall ein. Nach einiger Zeit waren die überflüssigen Produkte verkauft, die Fabriken fingen wieder an zu arbeiten, der Lohn stieg, und allmählich gingen die Geschäfte wieder besser als je. Aber nicht lange, so waren wieder zuviel Waren produziert, und eine neue Krisis trat ein, die gerade wieder denselben Verlauf nahm wie die vorige. So hat seit dem Anfang dieses Jahrhunderts der Zustand der Industrie fortwährend zwischen Epochen der Prosperität und Epochen der Krise geschwankt, und fast regelmäßig alle fünf bis sieben Jahre (5) ist eine solche Krisis eingetreten, welche jedesmal mit dem größten Elend der Arbeiter, mit allgemeiner revolutionärer Aufregung und mit der größten Gefahr für den ganzen bestehenden Zustand verknüpft war.
13. Frage: Was folgt aus diesen sich regelmäßig wiederholenden Handelskrisen?
Antwort:
Erstens: Daß die große Industrie, obwohl sie selbst in ihrer ersten
Entwicklungsepoche die freie Konkurrenz erzeugt hat, jetzt dennoch der freien
Konkurrenz entwachsen ist; daß die Konkurrenz und überhaupt der Betrieb der
industriellen Produktion durch einzelne für sie eine Fessel geworden ist, welche
sie sprengen muß und wird; daß die große Industrie, solange sie auf dem jetzigen
Fuße betrieben wird, sich nur durch eine von sieben zu sieben Jahren sich
wiederholende allgemeine Verwirrung erhalten kann, welche jedesmal die ganze
Zivilisation bedroht und nicht nur die Proletarier ins Elend stürzt, sondern
auch eine große Anzahl von Bourgeois ruiniert; daß also die große Industrie
selbst entweder ganz aufgegeben werden muß, was eine absolute Unmöglichkeit ist;
oder daß sie eine ganz neue Organisation der Gesellschaft durchaus notwendig
macht, in welcher nicht mehr einzelne, einander Konkurrenz machende Fabrikanten,
sondern die ganze Gesellschaft nach einem festen Plan und nach den Bedürfnissen
aller die industrielle Produktion leitet.
Zweitens: Daß die große Industrie und die durch sie möglich gemachte
Ausdehnung der Produktion ins unendliche einen Zustand der Gesellschaft möglich
machen, in welchem so viel von allen Lebensbedürfnissen produziert wird, daß
jedes Mitglied der Gesellschaft dadurch in den Stand gesetzt wird, alle seine
Kräfte und Anlagen in vollständiger Freiheit zu entwickeln und zu betätigen. So
daß also gerade diejenige Eigenschaft der großen Industrie, welche in der
heutigen Gesellschaft alles Elend und alle Handelskrisen erzeugt, gerade
dieselbe ist, welche unter einer anderen gesellschaftlichen Organisation eben
dieses Elend und diese unglückbereitenden Schwankungen vernichten wird. So daß
also aufs klarste bewiesen ist:
14. Frage: Welcher Art wird diese neue Gesellschaftsordnung sein müssen?
Antwort: Sie wird vor allen Dingen den Betrieb der Industrie und aller Produktionszweige überhaupt aus den Händen der einzelnen, einander Konkurrenz machenden Individuen nehmen und dafür alle diese Produktionszweige durch die ganze Gesellschaft, d.h. für gemeinschaftliche Rechnung, nach gemeinschaftlichem Plan und unter Beteiligung aller Mitglieder der Gesellschaft, betreiben lassen müssen. Sie wird also die Konkurrenz aufheben und die Assoziation an ihre Stelle setzen. Da nun der Betrieb der Industrie durch einzelne das Privateigentum zur notwendigen Folge hatte und die Konkurrenz weiter nichts ist als die Art und Weise des Betriebs der Industrie durch einzelne Privateigentümer, so ist das Privateigentum vom einzelnen Betrieb der Industrie und der Konkurrenz nicht zu trennen. Das Privateigentum wird also ebenfalls abgeschafft werden müssen, und an seine Stelle wird die gemeinsame Benutzung aller Produktionsinstrumente und die Verteilung aller Produkte nach gemeinsamer Übereinkunft oder die sogenannte Gütergemeinschaft treten. Die Abschaffung des Privateigentums ist sogar die kürzeste und bezeichnendste Zusammenfassung der aus der Entwicklung der Industrie notwendig hervorgehenden Umgestaltung der gesamten Gesellschaftsordnung und wird daher mit Recht von den Kommunisten als Hauptforderung hervorgehoben.
15. Frage: Die Abschaffung des Privateigentums war also früher nicht möglich?
Antwort:
Nein. Jede Veränderung in der gesellschaftlichen Ordnung, jede
Umwälzung der Eigentumsverhältnisse ist die notwendige Folge der Erzeugung neuer
Produktivkräfte gewesen, welche den alten Eigentumsverhältnissen sich nicht mehr
fügen wollten. Das Privateigentum selbst ist so entstanden. Denn das
Privateigentum hat nicht immer existiert, sondern, als gegen das Ende des
Mittelalters in der Manufaktur eine neue Art der Produktion erschaffen wurde,
welche sich dem damaligen feudalen und Zunfteigentum nicht unterordnen ließ, da
erzeugte diese, den alten Eigentumsverhältnissen entwachsene Manufaktur eine
neue Eigentumsform, das Privateigentum. Für die Manufaktur und für die erste
Entwicklungsstufe der großen Industrie war aber keine andere Eigentumsform
möglich als das Privateigentum, keine andre Gesellschaftsordnung als die auf dem
Privateigentum beruhende. Solange nicht so viel produziert werden kann, daß
nicht nur für alle genug vorhanden ist, sondern auch noch ein Überschuß von
Produkten zur Vermehrung des gesellschaftlichen Kapitals und zur weiteren
Ausbildung der Produktivkräfte bleibt, solange muß es immer eine herrschende,
über die Produktivkräfte der Gesellschaft verfügende und eine arme, unterdrückte
Klasse geben. Wie diese Klassen beschaffen sein werden, wird von der
Entwicklungsstufe der Produktion abhängen. Das vom Landbau abhängige Mittelalter
gibt uns den Baron und den Leibeigenen, die Städte des späteren Mittelalters
zeigen uns den Zunftmeister und den Gesellen und Tagelöhner, das siebzehnte
Jahrhundert hat den Manufakturisten und den Manufakturarbeiter, das neunzehnte
den großen Fabrikanten und den Proletarier.
Es ist klar, das bisher die Produktivkräfte noch nicht so weit entwickelt
waren, daß für alle genug produziert werden konnte, und daß das Privateigentum
für diese Produktivkräfte eine Fessel, eine Schranke geworden war. Jetzt aber,
wo durch die Entwicklung der großen Industrie erstens Kapitalien und
Produktivkräfte in einem nie vorher gekannten Maße erzeugt und die Mittel
vorhanden sind, diese Produktivkräfte in kurzer Zeit ins unendliche zu
vermehren; wo zweitens diese Produktivkräfte in den Händen weniger Bourgeois
zusammengedrängt sind, während die große Masse des Volks immer mehr zu
Proletariern wird, während ihre Lage in demselben Maße elender und
unerträglicher wird, in welchem die Reichtümer der Bourgeois sich vermehren; wo
drittens diese gewaltigen und leicht zu vermehrenden Produktivkräfte so sehr dem
Privateigentum und den Bourgeois über den Kopf gewachsen sind, daß sie jeden
Augenblick die gewaltsamsten Störungen in der gesellschaftlichen Ordnung
hervorrufen, jetzt erst ist die Aufhebung des Privateigentums nicht nur möglich,
sondern sogar durchaus notwendig geworden.
16. Frage: Wird die Aufhebung des Privateigentums auf friedlichem Wege möglich sein?
Antwort:
Es wäre zu wünschen, daß dies geschehen könnte, und die Kommunisten
wären gewiß die letzten, die sich dagegen auflehnen würden. Die Kommunisten
wissen zu gut, daß alle Verschwörungen nicht nur nutzlos, sondern sogar
schädlich sind. Sie wissen zu gut, daß Revolutionen nicht absichtlich und
willkürlich gemacht werden, sondern daß sie überall und zu jeder Zeit die
notwendige Folge von Umständen waren, welche von dem Willen und der Leitung
einzelner Parteien und ganzer Klassen durchaus unabhängig sind.
Sie sehen aber auch, daß die Entwicklung des Proletariats in fast allen
zivilisierten Ländern gewaltsam unterdrückt und daß hierdurch von den Gegnern
der Kommunisten auf eine Revolution mit aller Macht hingearbeitet wird. Wird
hierdurch das unterdrückte Proletariat zuletzt in eine Revolution hineingejagt,
so werden wir Kommunisten dann ebensogut mit der Tat wie jetzt mit dem Wort die
Sache der Proletarier verteidigen.
17. Frage: Wird die Abschaffung des Privateigentums mit einem Schlage möglich sein?
Antwort: Nein, ebensowenig wie sich mit einem Schlage die schon bestehenden Produktivkräfte so weit werden vervielfältigen lassen, als zur Herstellung der Gemeinschaft nötig ist. Die aller Wahrscheinlichkeit nach eintretende Revolution des Proletariats wird also nur allmählich die jetzige Gesellschaft umgestalten und erst dann das Privateigentum abschaffen können, wenn die dazu nötige Masse von Produktionsmitteln geschaffen ist.
18. Frage: Welchen Entwicklungsgang wird diese Revolution nehmen?
Antwort:
Sie wird vor allen Dingen eine demokratische Staatsverfassung und
damit direkt oder indirekt die politische Herrschaft des Proletariats
herstellen. Direkt in England, wo die Proletarier schon die Majorität des Volks
ausmachen. Indirekt in Frankreich und Deutschland, wo die Majorität des Volkes
nicht nur aus Proletariern, sondern auch aus kleinen Bauern und Bürgern besteht,
welche eben erst im Übergang ins Proletariat begriffen sind und in allen ihren
politischen Interessen mehr und mehr vom Proletariat abhängig werden und sich
daher bald den Forderungen des Proletariats fügen müssen. Dies wird vielleicht
einen zweiten Kampf kosten, der aber nur mit dem Siege des Proletariats endigen
kann.
Die Demokratie würde dem Proletariat ganz nutzlos sein, wenn sie nicht sofort
als Mittel zur Durchsetzung weiterer, direkt das Privateigentum angreifender und
die Existenz des Proletariats sicherstellender Maßregeln benutzt würde. Die
hauptsächlichsten dieser Maßregeln, wie sie sich schon jetzt als notwendige
Folgen der bestehenden Verhältnisse ergeben, sind folgende:
19. Frage: Wird diese Revolution in einem einzigen Lande allein vor sich gehen können?
Antwort: Nein. Die große Industrie hat schon dadurch, daß sie den Weltmarkt geschaffen hat, alle Völker der Erde, und namentlich die zivilisierten, in eine solche Verbindung miteinander gebracht, daß jedes einzelne Volk davon abhängig ist, was bei einem andern geschieht. Sie hat ferner in allen zivilisierten Ländern die gesellschaftliche Entwicklung so weit gleichgemacht, daß in allen diesen Ländern Bourgeoisie und Proletariat die beiden entscheidenden Klassen der Gesellschaft, der Kampf zwischen beiden der Hauptkampf des Tages geworden. Die kommunistische Revolution wird daher keine bloß nationale, sie wird eine in allen zivilisierten Ländern, d.h. wenigstens in England, Amerika, Frankreich und Deutschland gleichzeitig vor sich gehende Revolution sein. Sie wird sich in jedem dieser Länder rascher oder langsamer entwickeln, je nachdem das eine oder das andre Land eine ausgebildetere Industrie, einen größeren Reichtum, eine bedeutendere Masse von Produktivkräften besitzt. Sie wird daher in Deutschland am langsamsten und schwierigsten, in England am raschesten und leichtesten durchzuführen sein. Sie wird auf die übrigen Länder der Welt ebenfalls eine bedeutende Rückwirkung ausüben und ihre bisherige Entwicklungsweise gänzlich verändern und sehr beschleunigen. Sie ist eine universelle Revolution und wird daher auch ein universelles Terrain haben (7).
20. Frage: Was werden die Folgen der schließlichen Beseitigung des Privateigentums sein?
Antwort:
Dadurch, daß die Gesellschaft die Benutzung sämtlicher
Produktivkräfte und Verkehrsmittel sowie den Austausch und die Verteilung der
Produkte den Händen der Privatkapitalisten entnimmt und nach einem aus den
vorhandenen Mitteln und den Bedürfnissen der ganzen Gesellschaft sich ergebenden
Plan verwaltet, werden vor allen Dingen alle die schlimmen Folgen beseitigt,
welche jetzt noch mit dem Betrieb der großen Industrie verknüpft sind. Die
Krisen fallen weg; die ausgedehnte Produktion, welche für die jetzige Ordnung
der Gesellschaft eine Überproduktion und eine so mächtige Ursache des Elends
ist, wird dann nicht einmal hinreichen und noch viel weiter ausgedehnt werden
müssen. Statt Elend herbeizuführen, wird die Überproduktion über die nächsten
Bedürfnisse der Gesellschaft hinaus die Befriedigung der Bedürfnisse aller
sicherstellen, neue Bedürfnisse und zugleich die Mittel, sie zu befriedigen,
erzeugen.
Sie wird die Bedingung und Veranlassung neuer Fortschritte sein, sie wird
diese Fortschritte zustande bringen, ohne daß dadurch, wie bisher jedesmal, die
Gesellschaftsordnung in Verwirrung gebracht werde. Die große Industrie, befreit
von dem Druck des Privateigentums, wird sich in einer Ausdehnung entwickeln,
gegen die ihre jetzige Ausbildung ebenso kleinlich erscheint wie die Manufaktur
gegen die große Industrie unserer Tage. Diese Entwicklung der Industrie wird der
Gesellschaft eine hinreichende Masse von Produkten zur Verfügung stellen, um
damit die Bedürfnisse aller zu befriedigen. Ebenso wird der Ackerbau, der auch
durch den Druck des Privateigentums und der Parzellierung daran verhindert wird,
sich die schon gemachten Verbesserungen und wissenschaftlichen Entwicklungen
anzueignen, einen ganz neuen Aufschwung nehmen und der Gesellschaft eine
vollständig hinreichende Menge von Produkten zur Verfügung stellen.
Auf diese Weise wird die Gesellschaft Produkte genug hervorbringen, um die
Verteilung so einrichten zu können, daß die Bedürfnisse aller Mitglieder
befriedigt werden. Die Trennung der Gesellschaft in verschiedene, einander
entgegengesetzte Klassen wird hiermit überflüssig. Sie wird aber nicht nur
überflüssig, sie ist sogar unverträglich mit der neuen Gesellschaftsordnung. Die
Existenz der Klassen ist hervorgegangen aus der Teilung der Arbeit, und die
Teilung der Arbeit in ihrer bisherigen Weise fällt gänzlich weg. Denn um die
industrielle und Ackerbauproduktion auf die geschilderte Höhe zu bringen,
genügen die mechanischen und chemischen Hilfsmittel nicht allein; die
Fähigkeiten der diese Hilfsmittel in Bewegung setzenden Menschen müssen
ebenfalls in entsprechendem Maße entwickelt sein. Ebenso wie die Bauern und
Manufakturarbeiter des vorigen Jahrhunderts ihre ganze Lebensweise veränderten
und selbst ganz andere Menschen wurden, als sie in die große Industrie
hineingerissen wurden, ebenso wird der gemeinsame Betrieb der Produktion durch
die ganze Gesellschaft und die daraus folgende neue Entwicklung der Produktion
ganz andere Menschen bedürfen und auch erzeugen. Der gemeinsame Betrieb der
Produktion kann nicht durch Menschen geschehen wie die heutigen, deren jeder
einem einzigen Produktionszweig untergeordnet, an ihn gekettet, von ihm
ausgebeutet ist, deren jeder nur eine seiner Anlagen auf Kosten aller anderen
entwickelt hat, nur einen Zweig oder nur den Zweig eines Zweiges der
Gesamtproduktion kennt.
Schon die jetzige Industrie kann solche Menschen immer weniger gebrauchen.
Die gemeinsam und planmäßig von der ganzen Gesellschaft betriebene Industrie
setzt vollends Menschen voraus, deren Anlagen nach allen Seiten hin entwickelt
sind, die imstande sind, das gesamte System der Produktion zu überschauen. Die
durch die Maschinen schon jetzt untergrabene Teilung der Arbeit, die den einen
zum Bauern, den anderen zum Schuster, den dritten zum Fabrikarbeiter, den
vierten zum Börsenspekulanten macht, wird also gänzlich verschwinden. Die
Erziehung wird die jungen Leute das ganze System der Produktion rasch
durchmachen lassen können, sie wird sie in Stand setzen, der Reihe nach von
einem zum andern Produktionszweig überzugehen, je nachdem die Bedürfnisse der
Gesellschaft oder ihre eigenen Neigungen sie dazu veranlassen. Sie wird ihnen
also den einseitigen Charakter nehmen, den die jetzige Teilung der Arbeit jedem
einzelnen aufdrückt. Auf diese Weise wird die kommunistisch organisierte
Gesellschaft ihren Mitgliedern Gelegenheit geben, ihre allseitig entwickelten
Anlagen allseitig zu betätigen. Damit aber verschwinden notwendig auch die
verschiedenen Klassen. So daß die kommunistisch organisierte Gesellschaft
einerseits mit dem Bestand der Klassen unverträglich ist und andrerseits die
Herstellung dieser Gesellschaft selbst die Mittel bietet, diese
Klassenunterschiede aufzuheben.
Es geht hieraus hervor, daß der Gegensatz zwischen Stadt und Land ebenfalls
verschwinden wird. Der Betrieb des Ackerbaues und der Industrie durch dieselben
Menschen, statt durch zwei verschiedene Klassen, ist schon aus ganz materiellen
Ursachen eine notwendige Bedingung der kommunistischen Assoziation. Die
Zersplitterung der ackerbauenden Bevölkerung auf dem Lande, neben der
Zusammendrängung der industriellen in den großen Städten, ist ein Zustand, der
nur einer noch unentwickelten Stufe des Ackerbaues und der Industrie entspricht,
ein Hindernis aller weiteren Entwicklung, das schon jetzt sehr fühlbar wird.
Die allgemeine Assoziation aller Gesellschaftsmitglieder zur gemeinsamen und
planmäßigen Ausbeutung der Produktionskräfte, die Ausdehnung der Produktion in
einem Grade, daß sie die Bedürfnisse aller befriedigen wird, das Aufhören des
Zustandes, in dem die Bedürfnisse der einen auf Kosten der andern befriedigt
werden, die gänzliche Vernichtung der Klassen und ihrer Gegensätze, die
allseitige Entwickelung der Fähigkeiten aller Gesellschaftsmitglieder durch die
Beseitigung der bisherigen Teilung der Arbeit, durch die industrielle Erziehung,
durch den Wechsel der Tätigkeit, durch die Teilnahme aller an den durch alle
erzeugten Genüssen, durch die Verschmelzung von Stadt und Land - das sind die
Hauptresultate der Abschaffung des Privateigentums.
21. Frage: Welchen Einfluß wird die kommunistische Gesellschaftsordnung auf die Familie ausüben?
Antwort: Sie wird das Verhältnis der beiden Geschlechter zu einem reinen Privatverhältnis machen, welches nur die beteiligten Personen angeht und worin sich die Gesellschaft nicht zu mischen hat. Sie kann dies, da sie das Privateigentum beseitigt und die Kinder gemeinschaftlich erzieht und dadurch die beiden Grundlagen der bisherigen Ehe, die Abhängigkeit des Weibes vom Mann und der Kinder von den Eltern vermittelst des Privateigentums, vernichtet. Hierin liegt auch die Antwort auf das Geschrei hochmoralischer Spießbürger gegen kommunistische Weibergemeinschaft. Die Weibergemeinschaft ist ein Verhältnis, was ganz der bürgerlichen Gesellschaft angehört und heutzutage in der Prostitution vollständig besteht. Die Prostitution beruht aber auf dem Privateigentum und fällt mit ihm. Die kommunistische Organisation also, statt die Weibergemeinschaft einzuführen, hebt sie vielmehr auf.
22. Frage: Wie wird die kommunistische Organisation sich zu den bestehenden Nationalitäten verhalten?
- bleibt (8)
23. Frage: Wie wird sie sich zu den bestehenden Religionen verhalten?
- bleibt
24. Frage: Wie unterscheiden sich die Kommunisten von den Sozialisten?
Antwort: Die sogenannten Sozialisten teilen sich in drei Klassen. Die erste Klasse besteht aus Anhängern der feudalen und patriarchalischen Gesellschaft, welche durch die große Industrie, den Welthandel und die durch beide geschaffene Bourgeoisgesellschaft vernichtet worden ist und noch täglich vernichtet wird. Diese Klasse zieht aus den Übeln der jetzigen Gesellschaft den Schluß, daß die feudale und patriarchalische Gesellschaft wiederhergestellt werden müsse, weil sie von diesen Übeln frei war. Alle ihre Vorschläge gehen auf graden oder krummen Wegen diesem Ziele zu. Diese Klasse reaktionärer Sozialisten wird trotz ihrer angeblichen Teilnahme und heißen Tränen für das Elend des Proletariats dennoch stets von den Kommunisten energisch angegriffen werden, denn
Die zweite Klasse besteht aus Anhängern der jetzigen Gesellschaft, welchen
die aus dieser notwendig hervorgehenden Übel Befürchtungen für den Bestand
dieser Gesellschaft erweckt haben. Sie streben also danach, die jetzige
Gesellschaft beizubehalten, aber die mit ihr verbundenen Übel zu beseitigen. Zu
diesem Zweck schlagen die einen bloße Wohltätigkeitsmaßregeln vor, die anderen
großartige Reformsysteme, welche unter dem Vorwand, die Gesellschaft zu
reorganisieren, die Grundlagen der jetzigen Gesellschaft und damit die jetzige
Gesellschaft beibehalten wollen. Diese Bourgeoissozialisten werden ebenfalls von
den Kommunisten fortwährend bekämpft werden müssen, denn sie arbeiten für die
Feinde der Kommunisten und verteidigen die Gesellschaft, welche die Kommunisten
gerade stürzen wollen.
Die dritte Klasse endlich besteht aus demokratischen Sozialisten, welche auf
demselben Wege wie die Kommunisten einen Teil der in Frage [18] angegebenen
Maßregeln wollen, aber nicht als Übergangsmittel zum Kommunismus, sondern als
Maßregeln, welche hinreichend sind, um das Elend aufzuheben und die Übel der
jetzigen Gesellschaft verschwinden zu machen. Diese demokratischen Sozialisten
sind entweder Proletarier, die über die Bedingungen der Befreiung ihrer Klasse
noch nicht hinreichend aufgeklärt sind, oder sie sind Repräsentanten der
Kleinbürger, einer Klasse, welche bis zur Erringung der Demokratie und der aus
ihr hervorgehenden sozialistischen Maßregeln in vieler Beziehung dasselbe
Interesse haben wie die Proletarier. Die Kommunisten werden deshalb in den
Momenten der Handlung sich mit diesen demokratischen Sozialisten zu verständigen
und überhaupt mit ihnen für den Augenblick möglichst gemeinsame Politik zu
befolgen haben, sofern diese Sozialisten nicht in den Dienst der herrschenden
Bourgeoisie treten und die Kommunisten angreifen. Daß diese gemeinsame
Handlungsweise die Diskussion der Differenzen mit ihnen nicht ausschließt, ist
klar.
25. Frage: Wie verhalten sich die Kommunisten zu den übrigen politischen Parteien unsrer Zeit?
Antwort:
Dies Verhältnis ist verschieden in den verschiedenen Ländern. - In
England, Frankreich und Belgien, wo die Bourgeoisie herrscht, haben die
Kommunisten vorderhand noch ein gemeinsames Interesse mit den verschiedenen
demokratischen Parteien, und zwar ein um so größeres, je mehr die Demokraten
sich in den jetzt überall von ihnen vertretenen sozialistischen Maßregeln dem
Ziele der Kommunisten nähern, d.h., je deutlicher und bestimmter sie die
Interessen des Proletariats vertreten und je mehr sie sich auf das Proletariat
stützen. In England z.B. stehen die aus Arbeitern bestehenden Chartisten den
Kommunisten unendlich näher als die demokratischen Kleinbürger oder sogenannten
Radikalen.
In Amerika, wo die demokratische Verfassung eingeführt ist, werden die
Kommunisten sich mit der Partei halten müssen, welche diese Verfassung gegen die
Bourgeoisie wenden und im Interesse des Proletariats benutzen will, d.h. mit den
agrarischen Nationalreformers.
In der Schweiz sind die Radikalen, obwohl selbst eine noch sehr gemischte
Partei, dennoch die einzigen, mit welchen die Kommunisten sich einlassen können,
und unter diesen Radikalen sind wieder die waadtländischen und Genfer die am
weitesten fortgeschrittenen.
In Deutschland endlich steht der entscheidende Kampf zwischen der Bourgeoisie
und der absoluten Monarchie erst bevor. Da aber die Kommunisten nicht eher auf
den entscheidenden Kampf zwischen ihnen selbst und der Bourgeoisie rechnen
können, als bis die Bourgeoisie herrscht, so ist es das Interesse der
Kommunisten, die Bourgeois sobald als möglich an die Herrschaft bringen zu
helfen, um sie sobald wie möglich wieder zu stürzen. Die Kommunisten müssen
also, gegenüber den Regierungen, stets für die liberalen Bourgeois Partei
ergreifen und sich nur davor hüten, die Selbsttäuschungen der Bourgeois zu
teilen oder ihren verführerischen Versicherungen von den heilsamen Folgen des
Siegs der Bourgeoisie für das Proletariat Glauben zu schenken. Die einzigen
Vorteile, welche der Sieg der Bourgeoisie den Kommunisten bringen wird, werden
bestehen: 1. in verschiedenen Konzessionen, welche den Kommunisten die
Verteidigung, Diskussion und Verbreitung ihrer Grundsätze und damit die
Vereinigung des Proletariats zu einer eng verbündeten, kampfbereiten und
organisierten Klasse erleichtern; und 2. in der Gewißheit, daß von dem Tage, wo
die absoluten Regierungen fallen, der Kampf zwischen Bourgeois und Proletariern
an die Reihe kommt. Von diesem Tage an wird die Parteipolitik der Kommunisten
dieselbe sein wie in den Ländern, wo die Bourgeoisie jetzt schon herrscht.
1
Engels´ Arbeit "Grundsätze des Kommunismus stellt einen Programmentwurf
für den Bund der Kommunisten dar. Über die Ausarbeitung eines Programms in Form
eines Katechismus wurde bereits vor dem ersten Bundeskongreß diskutiert, auf dem
sich der Bund der Gerechten neu organisierte und sich den Namen Bund der
Kommunisten gab (Juni 1847). Im September 1847 sandte die Londoner
Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten (Schapper, Bauer und Moll) den Entwurf
eines "Kommunistischen Glaubensbekenntnisses" an die Kreise und Gemeinden des
Bundes. Dieses Dokument, das die Einflüsse des utopischen Sozialismus verriet,
konnte Marx und Engels nicht zufriedenstellen, ebenso nicht der "gottvoll
verbesserte" Entwurf, der in Paris von dem "wahren" Sozialisten Moses Heß
angefertigt worden war. Auf der Sitzung der Pariser Kreisbehörde des Bundes der
Kommunisten am 22. Oktober kritisierte Engels den Entwurf sehr eingehend und
scharf und erhielt den Auftrag, einen neuen zu verfassen. Dieser bald darauf
verfasste Entwurf waren die "Grundsätze des Kommunismus".
Engels, der die
"Grundsätze des Kommunismus" nur als vorläufige Programmskizze ansah, drückte in
seinem Brief vom 23./24. November 1847 an Marx den Gedanken aus, daß es am
besten sei, die veraltete Katechismusform aufzugeben und ein Programm in Form
eines "Kommunistischen Manifests" zu verfassen. Der zweite Kongreß des Bundes
der Kommunisten (29. November bis 8. Dezember 1847), auf dem Marx und Engels die
wissenschaftlichen Grundsätze des Programms der proletarischen Partei vertraten,
beauftragte beide, das Manifest auszuarbeiten. Bei der Abfassung des "Manifests
der Kommunistischen Partei" benutzten die Begründer des Marxismus einige der
Thesen, die in den "Grundsätzen des Kommunismus" entwickelt worden waren.
2
In ihren ersten Schriften sprechen Marx und Engels noch vom Verkauf der
Arbeit. Später hat Marx nachgewiesen, daß der Arbeiter nicht seine Arbeit,
sondern seine Arbeitskraft verkauft. Siehe hierzu die Erläuterungen in Engels'
Einleitung zur Neuausgabe der Marxschen Schrift "Lohnarbeit und Kapital", Berlin
1891 (Band 6 unserer Ausgabe, Seite 593-599, vgl. auch das Vorwort von Band 4,
Seite IX.
3
Vgl. Engels´ Anmerkung über die der Klassengesellschaft voraufgegangene
Periode der klassenlosen Urgesellschaft im "Manifest der Kommunistischen
Partei". (Siehe Band 4, Seite 462.)
4
Für die fehlende Antwort ist im Manuskript von Engels eine halbe Seite
freigelassen.
5
Im Jahre 1892 schrieb Engels im Vorwort zur 2. Auflage der "Lage der
arbeitenden Klasse in England" über die Kreislaufperioden der industriellen
Krisen am Anfang des 19. Jahrhunderts: "Im Text wird die Kreislaufperiode der
großen industriellen Krisen auf fünf Jahre angegeben. Dies war die
Zeitbestimmung, die sich aus dem Gang der Ereignisse von 1825 bis 1842 scheinbar
ergab. Die Geschichte der Industrie von 1842 bis 1868 hat aber bewiesen, daß die
wirkliche Periode eine zehnjährige ist, daß die Zwischenkrisen sekundärer Natur
waren und seit 1842 mehr und mehr verschwunden sind." (Siehe Band 2, Seite 642.)
6
Papiergeld der ersten französischen Republik (lt. Duden).
7
Die Schlußfolgerung, daß die proletarische Revolution nur gleichzeitig in
den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern möglich sei und es damit
unmöglich wäre, diese Revolution in einem einzelnen Lande siegreich
durchzuführen, fand ihre endgültige Formulierung in Engels´ Schrift "Grundsätze
des Kommunismus"; sie war richtig für die Periode des vormonopolistischen
Kapitalismus.
Unter den neuen historischen Bedingungen kam W.I. Lenin,
ausgehend von dem von ihm entdeckten Gesetz der Ungleichmäßigkeit der
ökonomischen und politischen Entwicklung des Kapitalismus in der Epoche des
Imperialismus, zu der neuen Schlußfolgerung, daß der Sieg der sozialistischen
Revolution ursprünglich in einigen Ländern oder sogar in einem Lande möglich
sei, und hob damit die Unmöglichkeit des gleichzeitigen Sieges der Revolution in
allen oder den meisten Ländern hervor. Diese neue Schlußfolgerung wurde zum
erstenmal von W.I. Lenin in seinem Artikel "Über die Losung der Vereinigten
Staaten von Europa" formuliert (vgl. Lenin Werke, Band 21, Seite 342 ff.).
8
Im Manuskript von Engels steht an der Stelle der Antwort bei der 22. und
23. Frage nur das Wort "bleibt". Offensichtlich bedeutet dies, daß die Antwort
so bleiben soll, wie sie in einem vorläufigen, jedoch bisher nicht aufgefundenen
Programmentwurf des Bundes der Kommunisten formuliert ist.